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Vom Labor ins Glas

2026-11-03 20:26

Martin Villgrater

Wein & mehr, Events, Weinwissen, Merano Winefestival, Bio & Dynamica,

Vom Labor ins Glas

Was hat Forschung auf dem Merano Winefestival verloren? Mehr, als man denkt. Noch bevor am Freitag das erste Glas zur Eröffnung ...

 

DIE WISSENSCHAFT 

HAT DAS WORT

Was hat Forschung auf dem Merano Winefestival verloren? Mehr, als man denkt. Noch bevor am Freitag das erste Glas zur Eröffnung der Jubiläumsauflage erhoben wird, gehört das Stadttheater “Puccini” um 9 Uhr der Wissenschaft: Der Summit „Breath and cry of the earth"  geht in eine weitere Runde. Ins Leben gerufen wurde er, um die Folgen des Klimawandels für den Weinbau und mögliche Antworten darauf zu diskutieren. Partner ist auch heuer die International Viticulture & Enology Society (IVES). 


 

EIN BLICK ZURÜCK: MERANO WINEFESTIVAL 2025

 

Den Auftakt des Summits übernahmen zwei   hochkarätige Persönlichkeiten: Helmuth Köcher, Gründer und Kopf der Veranstaltung, und Julien Dumercq, Direktor von IVES – International Viticulture and Enology Society, der die von der internationalen Gesellschaft kuratierten Fachpanels moderierte.

Köcher ist, für alle, die das WineFestival verfolgen, ein bekanntes Gesicht. Der WineHunter, der seit über dreißig Jahren die Welt nach önogastronomischen Exzellenzen durchkämmt und es Jahr für Jahr schafft, Publikum wie Fachwelt mit einem Format zu überraschen, das Verkostung, Kultur und Forschung miteinander verbindet. Dumercq wiederum brachte den Blick dessen mit, der die internationale Forschungsgemeinschaft im Weinbau koordiniert, der perfekte Gegenpol zur eher sinnlichen, emotionalen Seite des Festivals.

Auf der einen Seite die Intuition des Entdeckers. Auf der anderen die Präzision der Wissenschaft. Doch was hielt die beiden eigentlich zusammen?


 

DIE REBE AUF DEM PRÜFSTAND

 

Die Antwort lieferten die beiden folgenden Beiträge, gehalten von zwei Forscherinnen, die am CIRVE und am C3A, den Forschungszentren für Weinbau und Önologie der Universitäten Padua und Trient, ihre Tage damit verbringen, der Rebe Fragen zu stellen, die sich das Publikum selten stellt.

Monica Canton eröffnete den Reigen mit einem Blick in die Pflanzenphysiologie: Wie geht die Rebe, oder wie tut sie sich schwer damit, mit ihren eigenen Kohlenstoffreserven in einem zunehmend unberechenbaren Klima um? Rachele Nieri führte uns, aus ganz anderem wissenschaftlichen Holz geschnitzt, in ein Terrain, das fast an Spionage erinnerte: Vibrationen, abgehörte Liebesduette, gehackte Kommunikation. Sie ging der Frage nach, wie sich die Ausbreitung der Goldgelben Vergilbung eindämmen lässt, ohne ein einziges Gramm Insektizid zu versprühen.

Zwei völlig verschiedene Beobachtungsebenen: die molekulare der Pflanze, die verhaltensbiologische des Insekts. Eine gemeinsame, große Frage: Wie betreibt man Weinbau, wenn sich die Spielregeln unter den Füßen ändern? Oder, um genauer zu sein: unter den Wurzeln?


 

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DIE REBE, DIE VOM KOHLENSTOFF ERZÄHLT

 

Eine Pflanze, die jeden Tag entscheiden muss, wie sie ihre Ersparnisse ausgibt. Das ist kein poetisches Bild, sondern genau das, was die Rebe tut, wenn sie ihren Energiehaushalt verwaltet, und der Klimawandel macht ihr das Leben zunehmend schwer. Beim Summit des Merano WineFestival brachte Monica Canton vom CIRVE – Centro Interdipartimentale per la Ricerca in Viticoltura ed Enologia der Universität Padua die Frage direkt ins Zentrum der Pflanzenphysiologie.

 

DER ZUCKER, DEN MAN NICHT SIEHT

Photosynthese, das kennt jede:r noch von der Schulbank. Weniger bekannt ist das zweite Leben dieses Zuckers, sobald er einmal produziert ist. Ein Teil wird zu Struktur: Holz, Triebe, Blätter. Ein anderer Teil wird beiseitegelegt, wie eine Rücklage unter der Matratze: die nichtstrukturellen Kohlenhydrate, Stärke und lösliche Zucker, die vor allem im Holz und in den Wurzeln gespeichert werden. Klingt nach einem technischen Detail aus dem Labor. Ist es aber nicht.

Denn genau diese Reserve ist es, die der Rebe erlaubt, jedes Frühjahr neu zu starten, noch bevor die Blätter überhaupt arbeitsfähig sind. Es ist das Sparkonto der Pflanze. Und wie jedes Sparkonto gerät es in Krisenzeiten unter Druck.

 

WENN DAS KLIMA DIE KARTEN NEU MISCHT

Steigende Temperaturen, zunehmend trockene Sommer, eine Atmosphäre mit immer mehr CO2: drei Variablen, ein einziges Ziel, der Kohlenstoffhaushalt der Rebe. Die Hitze lässt die phänologischen Phasen früher einsetzen und beschleunigt den Stoffwechsel. Der Wasserstress zwingt die Pflanze, ihre Spaltöffnungen zu schließen, um keine Feuchtigkeit zu verlieren. Eine Verteidigung, die ihr aber sozusagen auch die Luft abschnürt und die Photosynthese ausgerechnet dann drosselt, wenn sie am nötigsten wäre. Und das überschüssige CO2? Ein zweischneidiges Schwert, dessen Wirkung stark davon abhängt, wie es mit Hitze und Trockenheit zusammenspielt.

Das Ergebnis? Eine Pflanze, die in den härtesten Jahrgängen zwischen Überleben im Hier und Jetzt und Vorsorge für morgen wählen muss. Sie entscheidet sich fast immer für Ersteres. Und kommt mit leereren Taschen als sonst in den Winter.

 

WARUM DAS NICHT NUR EIN PROBLEM FÜR BOTANIKER:INNEN IST

Geringe Reserven im Herbst bedeuten einen schwächeren Austrieb im folgenden Frühjahr. Sie bedeuten Pflanzen, die weniger bereit sind, auf einen Spätfrost oder einen plötzlichen Befall zu reagieren. Sie bedeuten, letztlich, weniger Trauben und weniger Qualität, Worte, die im Keller mehr wiegen als jede chemische Formel.

Diese Mechanismen zu verstehen ist keine akademische Fingerübung: Es ist die Grundlage, auf der sich die Entscheidungen von morgen aufbauen, von der Laubwandbewirtschaftung bis zur Auswahl effizienterer Klone im Umgang mit den eigenen Reserven. Die Rebe muss im Grunde nicht sprechen, um verstanden zu werden. Man muss nur schauen, was sie mit ihrem Kohlenstoff macht.


 

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By Yerpo - Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=28190584

DIE VIBRATIONEN DEINES FEINDES

 

Man stelle sich ein Rebblatt als klandestine Telefonleitung vor. Über diese Leitung tauschen zwei kleine Insekten Botschaften aus, die kein menschliches Ohr hören kann, es sei denn, man hat das richtige Werkzeug zur Hand. Rachele Nieri, Forscherin am Center Agriculture Food Environment (C3A) der Universität Trient, hat dieses Werkzeug, und beim Summit des Merano WineFestival zeigte sie, wie man dieses Gespräch abfangen, oder besser: "hacken", kann, um eine der gefürchtetsten Krankheiten des europäischen Weinbaus einzudämmen.

 

EIN FEIND, DER IN EINEN FINGERHUT PASST

Der Scaphoideus titanus macht beim Hinsehen keine Angst: kaum einen halben Zentimeter groß, ursprünglich aus Nordamerika, fast zufällig nach Europa gelangt. Doch der Schein trügt. Beim Saugen an der Rebe überträgt diese Zikade unwissentlich ein Phytoplasma, das für die Goldgelbe Vergilbung verantwortlich ist, eine Krankheit, gegen die es bis heute kein Heilmittel gibt. Die einzige Waffe bleibt die Rodung befallener Pflanzen. Oder eben: das Insekt zu stoppen, bevor es Schaden anrichtet.

 

DIE GEHEIME SPRACHE DER INSEKTEN

Sie heißt Biotremologie, und sie ist die Wissenschaft, die untersucht, wie Tiere über Vibrationen kommunizieren. Keine Töne in der Luft, sondern Signale, die durch Blätter, Triebe, Holz wandern. Ein Forschungsfeld, das jahrzehntelang am Rand stand. Über 200.000 Tierarten kennen jedoch keine andere Sprache.

Beim Scaphoideus titanus dreht sich das Balzverhalten genau darum: Das Männchen vibriert, das Weibchen antwortet, und zwischen beiden entsteht ein Duett, das zur Paarung führt. Kein körperlicher Kontakt. Nur Pflanzensaft, Holz und Frequenzen.

 

DAS DUETT UNTERBRECHEN, DIE EPIDEMIE STOPPEN

Und was, wenn man genau dieses Gespräch stören könnte, bevor es zum guten Ende kommt? Das ist die Idee, auf dem Papier simpel, in der Umsetzung alles andere als banal, im Zentrum jener Forschung, zu der Nieri beigetragen hat. In der Natur geschieht das bereits von selbst: Wenn sich mehrere Männchen um dieselbe Pflanze streiten, senden die vom Duett ausgeschlossenen Störsignale aus, die Rivalitätssignale imitieren und das Gespräch zwischen dem Paar unterbrechen.

Daraus entstand die Idee, das Phänomen künstlich nachzubilden: elektronische Geräte, sogenannte "Shaker", die an den Pfählen des Weinbergs befestigt werden, in Abständen von 30 bis 50 Metern, und synthetische Vibrationen aussenden, die das Balzverhalten der Insekten durcheinanderbringen. Die Duette brechen ab. Die Paarungen nehmen ab. Und mit ihnen die Ausbreitung der Krankheit.

 

DIE VERTEIDIGUNG OHNE CHEMIE

Kein Insektizid, keine chemische Substanz zwischen den Rebzeilen: nur Signale, exakt auf die Wellenlänge des Feindes abgestimmt. Sicher, die Technik verlangt Präzision: gleichmäßige Abdeckung der Vegetation, kalibrierte Signalstärke, gut positionierte Sender. Doch das zugrundeliegende Prinzip bleibt von fast entwaffnender Einfachheit.

Einst war die vibrationelle Kommunikation der Insekten eine Kuriosität für Entomolog:innen. Heute ist sie eine der vielversprechendsten Strategien für den nachhaltigen Weinbau von morgen. Und wenn es eine Lehre gibt, die man mitnehmen sollte, dann diese: Manchmal besteht die beste Verteidigung nicht darin, den Feind anzugreifen, sondern schlicht seine Sprache zu lernen.

 

 

DER SUMMIT 2026

 

Im Mittelpunkt stehen fünf Forschungsarbeiten aus Weinbau und Önologie: von Francesco Mirone und Sara Zanella vom Weinbauforschungszentrum CIRVE der Universität Padua, von Valeria De Rosa vom Zentrum C3A der Universität Trient und von Matteo Migliorini von der Universität Verona; die Schlussfolgerungen zieht Emanuele Boselli von der Freien Universität Bozen. Inhaltlich geht es um die Auswirkungen des Klimawandels, um die Reaktion der Rebe auf Umweltstress und um den Einsatz neuer Technologien – Themen also, die keine Kellerei mehr auf die lange Bank schieben kann.

 

Die Praxis folgt auf dem Fuß. Am selben Tag zeigt TasteTerroir – bio&dynamica, wohin die Reise im Weinberg und im Keller gehen kann: biologische, biodynamische und naturbelassene Weine, Weine aus pilzwiderstandsfähigen PIWI-Sorten, Vinifizierung in der Amphore und sogar Unterwasser-Reifung.

 

 

Quellen:

 

meranowinefestival.com

winenews.it

cirve.unipod.it

georgofili.it

en.wikipedia.org
 

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